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Schweigen ist Silber, Reden ist Gold

Einen Interviewtermin mit Louisa Brög zu vereinbaren, ist gar nicht so einfach. Die 18-jährige Abiturientin des Hans und Sophie Scholl-Gymnasiums hat einen prall gefüllten Terminkalender. Mit ihrem „Team Germany WSDC“ reist Louisa nämlich um die ganze Welt, um zu debattieren. In englischer Sprache versucht sie dabei mit zwei ihrer vier Teammitglieder, die zugeloste Position in der Debatte argumentativ geschickt zu vertreten und die Einwände der Gegenseite zu widerlegen. Diesen sportlichen Wettbewerb der Redner gewinnt derjenige, der eine mindestens dreiköpfige, kompetente Jury am besten zu überzeugen vermag. Am Ende ihrer Schulkarriere nimmt Louisa an der Debattierweltmeisterschaft teil, die vom 17. – 27. Juli 2018 in Zagreb stattfindet. Trotz ihres vollen Terminkalenders ist es dann doch gelungen, das folgende Interview zu führen.

Louisa, eines deiner Hobbys ist das Debattieren. Was ist denn für dich das Ziel dieser Aktivität?

Beim Debattieren geht es darum, dass man vor allem Jugendlichen beibringt, wie man richtig argumentiert, welche Positionen es bei bestimmten Themen gibt und wie man sich eine eigene Meinung bildet. Klar, beim Debattieren muss man auch Positionen vertreten, die vielleicht nicht den eigenen entsprechen, aber es hilft trotzdem ein Stück weit, seine eigene Meinung zu formen.

Wie und wann bist du zum Debattieren gekommen?

Zum englischen Debattieren bin ich vor zwei Jahren über das Schuldebattierteam gekommen. Im Sommer vor zwei Jahren haben die World Schools Debating Championships in Stuttgart stattgefunden und ich habe als Volunteer mitgemacht. Ich durfte nicht nur das Nationalteam von Neu-Seeland betreuen, sondern auch Debatten zwischen den Nationalteams verfolgen. Danach bin ich erst einmal ans Schubart-Gymnasium gegangen, da dort Debattanten für die deutschen Meisterschaften gefehlt haben. Ich habe ein paar Runden mitgemacht und das hat mir ziemlich viel Spaß gemacht. So bin ich einfach daran „hängengeblieben“.

Wieviel Zeit investierst du denn in dein Hobby?

Viel. Also wenn ich so überlege, wir haben vor der Weltmeisterschaft Trainingswochen mit dem Nationalteam. Das heißt, wir bereiten eine Woche lang die Themen vor, die wir bei dem Wettbewerb debattieren werden, und das Ganze machen wir zweimal. Dazu kommen noch Wochenenden, an denen wir trainieren, und das ein oder andere Turnier. Zugegeben, auf Schulebene ist es ein bisschen weniger. Außerhalb der Abiphase haben wir uns einmal wöchentlich getroffen, wie bei einer AG sozusagen.

Was fasziniert dich derart am Debattieren, dass so viel Zeit dafür investierst?

Ich glaube, es ist einfach eine Kombination aus dem Inhaltlichen einerseits – mich faszinieren einfach die Themen, die wir debattieren; und das andere sind die Menschen, die dort sind. Es treffen sich ganz viele Menschen, die sich für Themen aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Religion interessieren und auch gerne darüber diskutieren. Man diskutiert nicht nur in den Debatten selbst, sondern auch beim Mittagessen.

Deine Mitdebattanten sind alle in deiner Altersklasse?

Genau. Bei den Weltmeisterschaften kann man ab 14 Jahren mitmachen. Allerdings muss man noch Schüler sein, um teilnehmen zu können, wobei „World Schools Debating“ nicht bedeutet, dass Schulen gegeneinander antreten.

Ist Debattieren ein Hobby für Jedermann oder muss man bestimmte Voraussetzungen mitbringen, wenn man debattieren will?

Es ist natürlich viel einfacher, das Debattieren anzufangen, wenn man gut reden kann und wenn es einem leicht fällt, vor großen Gruppen zu sprechen. Klar, beim Schuldebattieren hat man meist kein so großes Publikum. Allerdings gibt es immer mindestens drei Juroren, die dasitzen und genau zuhören, was man sagt, und das kann schon einschüchternd sein. Ich glaube aber trotzdem, dass Debattieren jedem etwas beibringen kann. Selbst wenn ich nur eine kleine Debatte spreche, z.B. im Unterricht, hilft das, Selbstwertgefühl aufzubauen und besser reden zu können. Für jüngere Schüler, die noch nicht so gut Englisch sprechen, gibt es „Jugend debattiert“ auf Deutsch.

Bringt es etwas, mit dem deutschen Debattieren anzufangen, wenn das längerfristige Ziel das englische Debattieren ist?

Die beiden Formate, „Jugend debattiert“ und das englische Schuldebattieren, sind sehr unterschiedlich, allein schon von der Redezeit her. Beim englischen Debattieren muss man bis zu achtminütige Reden halten, bei „Jugend debattiert“ sind es nur zwei Minuten. Ich glaube aber, dass es durchaus etwas bringt, mit dem deutschen Debattieren anzufangen, vor allem für die, die sich noch nicht trauen, viel zu reden.

Welchen Rat würdest du einem Debattier-Anfänger geben?

Sich auf jeden Fall nicht einschüchtern zu lassen. Ich glaube, meine erste Rede hat viereinhalb Minuten gedauert, das war aber nicht schlimm. Das ist sogar relativ normal, wir hatten auch einen, der zuerst nur drei Minuten geredet hat. Das verbessert sich aber mit der Zeit.

Um gut debattieren zu können, muss man wortgewandt sein und viel Allgemeinwissen besitzen. Letztendlich ist das Wichtigste aber die eigene Überzeugungskraft. Kann man diese trainieren?

Ja, kann man, weil da ganz viele Faktoren mit hineinspielen. Ich kann überzeugend sein durch meine Gestik. Ich kann überzeugend sein durch meine Rhetorik generell, die Art, wie ich betone und wie ich meine Argumentation aufbaue. Beim englischen Debattieren haben wir drei Kategorien, die bewertet werden: Inhalt, Stil und Strategie und alle drei bringen die Überzeugungskraft mit sich.

Was hat dir dabei geholfen, so gut zu debattieren? Was ist dein Trick?

Sehr viel Training. Also gerade bei dem Nationalteam machen wir viele Übungen, die total bescheuert aussehen, bei denen jeder, der zuschaut, sich denken würde „Was machen die denn?“

Beispielsweise?

Ich durfte zum Beispiel zur Übung mit einem Kochlöffel in der Hand trainieren, da ich das Problem hatte, dass ich immer meine Hände zusammenführe und dann meine Gestik weniger wird. Deshalb musste ich einen Kochlöffel an beiden Enden festhalten, damit die Hände auf Distanz bleiben. Eine Teamkollegin von mir musste auf einem Holzpflock stehen, da sie immer wackelt, wenn sie redet. Sie musste während ihrer Rede dort draufstehen und balancieren, um nicht zu wackeln - und herunterzufallen.

Wer trainiert euch denn?

Wir haben momentan zwei Nationaltrainer, die beide Studenten sind und entweder im vorläufigen Nationalteam waren oder selbst zu Weltmeisterschaften gefahren sind. Die beiden investieren sehr viel Zeit in unser Training. In der Schule übernimmt ein Englischlehrer diese Rolle.

Als Mitglied des WSDC Deutschland Teams bereist du regelmäßig die Welt und nimmst an großen internationalen Turnieren teil. Was war deine schönste Erfahrung auf solch einer Reise?

Die schönste Erfahrung …. Das ist schwierig…… Ende Februar waren wie in Dänemark, in Kopenhagen auf einem Turnier und das war wirklich schön – nicht nur wegen der Debatten oder der Tatsache, dass skandinavische Länder mir generell gut gefallen, die Stadt war einfach umwerfend.

Wie lange dauern deine Reisen im Schnitt?

Unterschiedlich. Die Weltmeisterschaft dauert zwei Wochen. Manche Turniere dauern nur ein Wochenende, andere eine ganze Woche.

Würdest du sagen, dass Debattieren einen im Leben weiterbringt? Lernt man nützliche Dinge oder ist es mehr eine Art spaßiges Hobby?

Beides. Also ich glaube, es kann viel Spaß machen, aber man lernt auch unglaublich viel – nicht nur an Fachwissen. Die meisten Debattanten studieren nach der Schule Jura, Politik oder Wirtschaft, das geht alles so ungefähr in die Richtung. Man lernt aber auch, sich zu artikulieren und Argumentation zu verstehen. Viele Leute haben, glaube ich, ein Problem damit, Argumente richtig zu verstehen. Was steckt hinter einem Argument, was ist die grundlegende Argumentation? Das kann einem im Alltag auch weiterhelfen.

Zusätzlich zum Debattieren bist du aktives Mitglied der SPD. Was hoffst du durch dein Engagement zu erreichen? Warum bist du in die Politik gegangen?

Ich bin schon relativ lange in der SPD, fast zwei Jahre jetzt, weil ich glaube, dass es wichtig ist, dass wir jungen Leute uns politisch engagieren, da wir etwas verändern können. Wenn wir die Politik Menschen über 60 überlassen, die das schon lange machen, dann wird sich nicht viel ändern, vor allem nicht das, was uns jungen Menschen wichtig ist. Ein Rentner kann keine Politik für einen Schüler oder Studenten machen.

Du bist auch Vorsitzende des Rings politischer Jugend in Ulm.

Genau. Das ist eine überparteiliche Organisation oder besser gesagt, ein Zusammenschluss von mehreren Jugendparteien. Dabei sind die Grüne Jugend, die Junge Union, die Jungen Liberalen und eben die Jusos, die Jugendorganisation der SPD. Ich finde diesen Ring unglaublich spannend, weil er uns die Möglichkeit gibt, außerhalb von Parteizwängen für die politische Bildung von Jugendlichen zusammenzuarbeiten.

Ab nächstem Jahr studierst du Politik, Philosophie und Wirtschaft (PPE) an der Universität Oxford. Was willst du denn später einmal werden? Wie sieht deine Zukunftsplanung aus?

Mit dem Debattieren will ich auf jeden Fall weitermachen. Es gibt unglaublich viele Möglichkeiten, auf dem Uni-Level zu debattieren. Fraglich ist nur, ob die Zeit reichen wird. Sonst warte ich einfach ab. Hätte mir vor zwei Jahren jemand gesagt, dass ich in Oxford studieren werde, hätte ich den Kopf geschüttelt und gesagt „Ganz sicher nicht!“ Daher warte ich einfach ab, was noch so passiert, und orientiere mich dann neu.

Vielen Dank für das Interview und ganz viel Glück in Zagreb!

 

Das Interview führte Constantin Möller (Kursstufe II, Schuljahr 2017/18)